Fit für die Wissensgesellschaft? Bildung braucht mehr Dialog

Die Erwartungen an Schule in der Wissensgesellschaft hinsichtlich der Vorbereitung auf Ausbildung und Beruf sind hoch. Die Bildungsstudie 2007 zeigt: Eltern und Personalverantwortliche sind insgesamt nicht zufrieden mit der Vermittlung von Wissen und Kompetenzen durch die Schule. Sie haben außerdem unterschiedliche Vorstellungen, was Schule vermitteln soll – insbesondere im Hinblick auf die weitere Ausbildung. Auch bei den Vorschlägen, wie Schule verbessert werden kann, gibt es große Diskrepanzen. Es besteht also dringender Gesprächsbedarf.

10 Themen für einen neuen Bildungsdialog

Die Bildungsstudie 2007 zeigt zentrale Handlungsfelder auf, die für die Zukunft der Bildung in Deutschland von besonderer Bedeutung sind:

1. Bildung braucht intensiveren Dialog
•  Damit die schulische Ausbildung ihren Erwartungen gerecht werden kann, sollten sich alle Interessengruppen intensiver austauschen.
•  Eltern und Lehrer sollten verstärkt den Dialog miteinander suchen: Dieser bietet Chancen, sich über die Ausbildung der Kinder auszutauschen und sich gemeinsam für Verbesserungen im Schulalltag zu engagieren.
•  Ebenfalls zu diskutieren ist, wie Schule den Anforderungen der Wirtschaft an die Ausbildungsfähigkeit von Jugendlichen besser gerecht werden kann und welchen Beitrag dazu Unternehmen selbst leisten können.
•  Da die Politik den Rahmen für schulische Ausbildung setzt, sollte sie ein Eigeninteresse haben, sowohl Plattformen für den Dialog zu bieten als auch ihn zu moderieren.
2. Gleiche Bildungschancen für alle
•  Die Auswertung der Bildungsstudie zeigt, Bildungschancen von Kindern in Deutschland hängen vor allem vom Bildungsstand der Eltern ab.
•  Die Durchlässigkeit des deutschen Schulsystems nach oben gehört zu den größten Herausforderungen in einer globalisierten Wissensgesellschaft.
•  Thema ist weiterhin auch, wie die Schulformen mehr Chancengleichheit bieten können.
3. Vergleichbarkeit von Leistungen – Länderübergreifende Bildungsstandards
•  Ein Grund für die Unzufriedenheit insbesondere der Eltern und Entscheider mit dem deutschen Schulsystem ist die mangelnde Vergleichbarkeit von Leistungen.
•  Sinnvoll wäre nach ihrer Auffassung ein einheitliches Schulsystem in allen Bundesländern.
•  Unter dem Aspekt Chancengleichheit und angesichts der Mobilität, die Wirtschaft und Politik von Arbeitnehmern und Familien fordern, wünschen sich Eltern und Entscheider länderübergreifende Bildungsstandards.
4. Individuelle Förderung von Kindern
•  Die Unzufriedenheit von Eltern, Entscheidern und bedingt auch Lehrern mit der Schule hängt von der jeweiligen Schulform ab.
•  Insbesondere Haupt-, aber auch Realschulen schneiden schlecht ab, wenn es um die Vorbereitung auf den Beruf geht.
•  Will man das Schulsystem in seiner jetzigen Form erhalten, müssen diese Schulformen gestärkt werden.
•  Alle Interessengruppen wünschen sich gleichermaßen kleinere Klassen wie auch eine individuellere Förderung von schwachen wie starken Schülern.
•  Die Bildungsstudie zeigt auch Unterschiede bei der individuellen Förderung durch die Eltern: Hauptschüler können von ihren Eltern vor allem in finanzieller Hinsicht weniger unterstützt werden.
5. Bessere Lehrbedingungen und pädagogische Ausbildung für Lehrer
•  Aus Sicht der Lehrer ist insbesondere die Verbesserung der pädagogischen Ausbildung und Unterstützung an den Schulen ein drängendes Thema.
•  Die pädagogischen Kompetenzen der Lehrer sind ein Schlüssel zur individuellen Förderung der Schüler und ihrem Bildungserfolg.
•  Pädagogik wird umso wichtiger, wenn soziale Kompetenzen einen immer höheren Stellenwert für Personalverantwortliche bekommen.
•  Schule wird verstärkt zum Schauplatz gesellschaftlicher Probleme, mit denen Lehrer umgehen müssen: Sie wünschen sich deshalb auch mehr Schulcoaches und Sozialarbeiter an den Schulen.
6. Neuer Fächerkanon: Modernere Inhalte
•  Deutsch und Kenntnisse in den Grundrechenarten sind nach Auffassung aller Beteiligten Basiskompetenzen - sie sind mit der Vermittlung dieses Wissens jedoch eher unzufrieden.
•  Eltern wünschen sich mehr moderne Lehr-inhalte wie Umweltschutz und Gesundheit, Entscheider präferieren praktische Fächer wie Wirtschaft und Sozialkunde.
•  Für alle hat der Umgang mit Neuen Medien hohe Bedeutung. Mit der Vermittlung dieser Kenntnisse sind Eltern und Entscheider jedoch nicht zufrieden.
•  Bei der Frage, ob der heutige Fächerkanon und die Curricula noch zeitgemäß sind, besteht offensichtlich Gesprächsbedarf.
7. Mehr Praxisorientierung
•  Die Unzufriedenheit von Entscheidern mit der Schule ist eklatant: Nur ein Zehntel der Entscheider sind zufrieden mit der Ausbildungsvorbereitung durch die Schule.
•  Die Erwartungshaltung von Entscheidern an die Schule wird doppelt enttäuscht, sowohl in Bezug auf die Vermittlung von Allgemeinwissen als auch auf die für sie wichtigen sozialen Kompetenzen.
•  Der Dialog zwischen Wirtschaft, Schule und Politik bezüglich der Praxisorientierung der schulischen Ausbildung ist besonders wichtig, wenn es um die Zukunftschancen der nächsten Generationen und des Standorts geht.
8. Schule braucht neue Medien und vernetztes Lernen
•  Lehrer haben eine hohe Affinität zu Computer und Internet, investieren in Fortbildung in diesem Bereich und nutzen Neue Medien intensiv zur Unterrichtsvorbereitung.
•  Eltern und Entscheider sehen ebenfalls die hohe Bedeutung von Neuen Medien im Unterricht und sind überzeugt, dass der Einsatz von PC und Internet Lernen transparenter und effizienter macht und die Lernmotivation erhöht.
•  Während Eltern und Entscheider eine veränderte Rolle der Lehrer durch Neue Medien ausmachen, stimmen dem die Lehrer nicht in gleichem Maße zu.
•  Angesichts der von allen anerkannten hohen Bedeutung Neuer Medien stellt sich die Frage, warum diese nur bedingt im Unterricht eingesetzt werden. Dies ist u.a. auf die Ausstattung der Schulen zurückzuführen. Auch die Schulform spielt hier eine Rolle: Hauptschulen sind Vorreiter beim Einsatz Neuer Medien.
•  Der Austausch von Best Practices auch zwischen verschiedenen Schulformen bietet Impulse für neue Lehr- und Lernformen.
9. Zuständigkeiten für Kompetenzen
•  Zu den Fähigkeiten, die aus Sicht aller Befragten bei Jugendlichen entwickelt sein sollten, gehören vor allem soziale Kompetenzen wie Verlässlichkeit, Verantwortungsbewusstsein, aber auch individuelle Kompetenzen wie Selbstständigkeit.
•  Neugier, die Fähigkeit, sich selbst zu fordern, sowie Offenheit für andere Kulturen und Lebensformen sehen Eltern und Entscheider stärker in der Verantwortung der Schule als die Lehrer.
•  Angesichts der Anforderungen einer globalisierten Wirtschaft und Gesellschaft birgt insbesondere das Thema Offenheit für andere Kulturen Sprengstoff. Umso mehr, als dieses Thema Eltern offenbar auch relativ unwichtig ist. Die Einstellung dazu wird jedoch vor allem im Elternhaus geprägt.
•  Eltern verlassen sich bei der Vermittlung von Medienkompetenz vor allem auf die Schule. Die Lehrer nehmen diese Zuständigkeit zwar an. Die Delegation der Verantwortung an die Schule birgt aber auch Risiken, z.B. wenn es um die Sicherheit von Kindern im Internet geht. Denn die unkontrollierte PC-Nutzung findet zu Hause statt. Hier sind die Eltern ebenso in der Pflicht.
•  Lehrer meinen, Schule solle vor allem soziale Kompetenzen vermitteln, auch Entscheider messen ihnen den höchsten Stellenwert zu. Für Eltern sind die individuellen Kompetenzen von besonderer Bedeutung.
10. Die Schule der Zukunft
•  Vor allem die Lehrer werden von Eltern und Entscheidern in die Pflicht genommen. Sie wünschen sich u.a. eine Fortbildungspflicht für Pädagogen.
•  Umgekehrt sind die Eltern aber kaum bereit, sich bei der Erziehung coachen zu lassen oder gar Ausbildungsverträge mit den Lehrern zu schließen, in denen definiert wird, wer was zum Ausbildungserfolg beitragen muss.
•  Leistungsprämien und -kontrollen für Lehrer und die Option einer Entlassung schlechter Pädagogen, die Abschaffung des Beamtentums und die Lehrerbeurteilung durch Eltern und Schüler sind wichtige Anliegen von Eltern und Entscheidern.
•  Auch hier zeigt sich die Notwendigkeit zum Dialog mit den Lehrern. Angesichts des nicht sehr großen Interesses der Eltern an diesem Austausch ist fraglich, ob sie überhaupt bereit sind, an einer fundierten Bewertung von Lehrern mitzuwirken.

Lehrer wünschen sich mehr Freiräume bei der Gestaltung des Unterrichts, Eltern mehr fächerübergreifende Kooperation und Entscheider mehr Praxisorientierung. Hier liegen Spielräume für Unterrichtsinhalte und -formen, die den Anforderungen an Schule in der Wissensgesellschaft noch besser gerecht werden können. Mehr Mut seitens Politik und Schulträgern, Neues auszuprobieren, ist gefragt. Die Lehrer sind offensichtlich bereit für Veränderungen.